Adventszeit

Da bin ich wieder :-) Und ich muss sagen, dass ich mich nicht daran erinnern kann, wann ich in den letzten Jahren jemals so entspannt war. So ausgeglichen und auch zufrieden.

Kevin macht große Fortschritte. Wir sind inzwischen bei der für ihn erforderlichen Enddosis von 35 mg pro Tag angekommen und er bekommt am Morgen 20 mg und am frühen Nachmittag 15 mg. Und die Veränderung ist der Wahnsinn. Im positiven Sinne natürlich. Ich merke, wie Kevin mit sich selbst viel besser im Reinen ist, er hat wieder Spaß an der Schule (war ja früher nie der Fall), kommt mit seinem älteren Bruder wesentlich besser zurecht, ist nicht mehr in Streitigkeiten bzw. Handgreiflichkeiten mit seinen Klassenkameraden verwickelt und ist hilfsbereit wie nie zuvor. Er spürt, dass die Medikamente positiv auf ihn wirken und er es damit einfacher hat.

So kam es in den vergangenen Wochen bereits mehrfach vor, dass sich Kevin von ganz alleine an den Küchentisch gesetzt hat und angefangen hat, seine Hausaufgaben zu machen. Ohne mich zu fragen, was er denn bei diesem oder jenen Arbeitsblatt zu tun hätte. Früher wäre das im Leben nicht möglich gewesen – es war schon immer eine Qual, ihn dazu zu bringen, sich an den Tisch zu setzen und wenigstens die Hefte mal auszupacken. Und selbst, wenn ich daneben saß, waren die Hausaufgaben nie unter 3 Stunden minimum zu schaffen. Natürlich gab es dabei auch immer viele Tränen, Wutanfälle oder Ausraster. Mit den Medis schafft er es, sich zu konzentrieren; den Fokus auf die Dinge zu legen, die gerade wichtig sind. Und er ist schnell geworden – Hausaufgaben werden jetzt innerhalb von 30 Minuten erledigt. Und auch noch ordentlich! Sein Schriftbild ist sehr schön geworden, die Rechtsschreibfehler wesentlich weniger und auch die Heftgestaltung nimmt gute äußere Formen an. Regelmäßig hat Kevin positive Bemerkungen seiner Lehrerinnen unter den Hefteinträgen stehen. Und das motiviert ihn dann natürlich um so mehr.

Auch das Verhältnis innerhalb unserer Familie hat sich verändert. Alles läuft viel ruhiger ab. Lediglich am Abend, wenn die Wirkung der Medis nachlässt (meist so gegen 17.30 Uhr), ist Kevin sehr zappelig, muss sich andauernd bewegen und strotzt vor überschießender Energie. Aber damit können wir gut leben. Es ist kein Vergleich zu vorher. Ebenso ist mir positiv aufgefallen, dass sich Kevin nunmehr stundenlang mit Lego beschäftigen kann. Da wird gebaut, ausprobiert, umgeändert und mit einer Hingabe gespielt, die ich so von ihm noch nicht kannte. Er rennt nicht ständig mehr von einer Sache zur nächsten und lässt sich ablenken, nein, er besitzt jetzt Ehrgeiz und Willensstärke.

Im Internet lese ich oft Kommentare von Menschen, die kein ADHS-Kind zuhause haben, aber der Meinung sind, Medikamente würden den Charakter des Kindes im negativen Sinne beeinflussen. Diesem Vorurteil muss ich vehement widersprechen: Es ist wirklich nicht einfach, mit einem Kind zu leben, welches ADHS in stark ausgeprägter Form hat. Man geht hier deutlich an seine Grenzen. Zum einen das Kind selbst, das nicht versteht, was denn an seinem Verhalten “falsch” sei, zum anderen die Eltern, Geschwister, Verwandten, Lehrer und Freunde. Es ist auch nicht so, dass die Erziehung hier falsch gelaufen wäre. Natürlich benötigen gerade ADHS-Kinder eine konsequentere Struktur im Alltag als andere Kinder, aber alleine dadurch wird man nicht viel verändern. Und für uns war es die beste Entscheidung, hier auf medikamentöse Mittel zurückzugreifen. Natürlich immer mit engmaschiger Überwachung unseres behandelnden Arztes. Der Charakter unseres Sohnes hat sich dadurch nicht verändert. Er ist immer noch das gleiche Kind wie immer, hat Spaß an unseren gemeinsamen Freizeitaktivitäten, kuschelt gerne und tobt auch weiterhin draußen mit Freunden herum. Und das ist auch der Sinn der Sache: Die Medikamente sollen mein Kind nicht ruhigstellen, sondern es lediglich dabei unterstützen, den Alltag und die Anforderungen daran gut “gebacken” zu bekommen. Andere Patienten müssen Mittelchen gegen Bluthochdruck nehmen und ADHS-Kinder bekommen Mittelchen, um den Filter im Gehirn zu aktivieren. Nicht mehr und nicht weniger.

In absehbarer Zeit werden wir nur auf ein Retard-Präparat umsteigen. Das bedeutet, dass dann nur noch die Einnahme einer Kapsel am Morgen notwendig ist und diese den Wirkstoff über den Tag verteilt abgibt. Damit entfällt die Dosis am frühen Nachmittag.

Jetzt genießen wir alle erstmal die Adventszeit und freuen uns auf Weihnachten :-)

2.12.14 09:07, kommentieren

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9. Geburtstag

Heute melde ich mich mal wieder zu Wort. Es ist Kevins 9. Geburtstag und wir haben den Nachmittag im Kreis der Familie verbracht. Das schönste “Kompliment” an diesem Tag für mich war, dass meinem Vater aufgefallen ist, dass Kevin schon wesentlich ruhiger geworden ist. Nun – wir haben vergangenen Samstag mit Medikinet angefangen. Aber der Reihe nach:

Die Befunde von EKG, Blut und EEG waren glücklicherweise unauffällig. Das EEG hatten wir letzten Dienstag in der Kinderklinik machen lassen (allerdings nun doch nicht in der örtlichen, sondern in der Stadt, in welcher auch unser Kinderarzt praktiziert, da es dort eine eigene Ambulanz gibt und wir nicht mit einer stationären Einweisung – wie hier bei uns gefordert – anrücken müssen und somit auch nicht das ganze Procedere mit Aufnahme, Entlassung etc. durchlaufen müssen). Jedenfalls wurden Kevin und wir sehr zuvorkommend betreut und waren äußerst überrascht. So etwas ist uns bisher nicht passiert. Alle Schwestern total freundlich, aufmerksam, einfühlsam und entspannt. Das EEG dauerte in etwa eine halbe Stunde und im Anschluss daran führte der Oberarzt ein kurzes Gespräch mit uns. Am Freitag Morgen rief ich in der Kinderarztpraxis an, um mich zu erkundigen, ob der Befund schon eingetroffen wäre. Die Arzthelferin bejahte dies und ich fragte nach, ob ich noch am Vormittag vorbeikommen könnte. Der Arzt hatte Zeit für uns und wir machten uns auf den Weg. In der Praxis besprachen wir dann eingehend die Dosierung für die nächsten 14 Tage. Wir fangen langsam an und erhöhen alle 3 Tage die Dosis um eine halbe Tablette. Seit heute bekommt Kevin am Morgen und am Mittag jeweils 5 mg Medikinet. Die Enddosis nach den 14 Tagen beträgt dann am Morgen 20 mg und am Mittag 15 mg Medikinet. Und dann müssen wir einfach sehen, ob es von der Dosis her so passt oder ob noch etwas verändert werden muss.

Ich selbst bemerke schon eine leichte Veränderung bei Kevin. Speziell darin, dass er in seinem Temperament nicht mehr ganz so aufbrausend ist. Also wenn ihm etwas gegen den Strich geht. Er wird dann natürlich schon noch zornig und ärgert sich, aber es hält nicht mehr so lange an und er beruhigt sich schnell wieder. Ansonsten habe ich heute aber auch festgestellt, dass der Nachmittag für ihn recht ruhig verlaufen ist, er aber gegen 18 Uhr wieder ziemlich überdreht war. Naja, auch die besten Medis lassen irgendwann nach, nicht wahr? Ich möchte Kevin damit ja auch nicht “ruhigstellen”, er soll weiterhin ein “aktives” Kind sein und auch toben, rennen etc. Aber ich konnte dennoch sehr deutlich den Unterschied spüren, als die Wirkung des Medikaments am Abend vorbei war.

Er selbst bemerkt den positiven Unterschied auch und freut sich darüber. Und dass macht es mir dann auch leichter, ihm morgens und mittags die Tablette hinzulegen. Hätte Kevin jetzt damit ein Problem und würde sich absolut weigern, Medikamente zu nehmen, hätte ich vielleicht ein schlechtes Gewissen. Aber er versteht, dass es ihm damit besser gehen wird. Vor allem auch in der Schule und im Freundeskreis.

Somit haben wir seinen 9. Geburtstag in absolut harmonischer Runde feiern können und das hat mich – vor allem für meinen kleinen Schatz – sehr gefreut.

21.10.14 09:04, kommentieren