Voruntersuchungen

Heute steht der Termin für die notwendigen Voruntersuchungen bei unserem Kinderarzt an. Es ist nicht einfach der “Kinderarzt um die Ecke”, sondern wir müssen hierfür fast eine Stunde an einfacher Fahrtzeit einplanen. Aber das spielt keine Rolle, da wir uns dort sehr gut aufgehoben fühlen. Die Chemie zwischen uns und dem Arzt stimmte von Anfang an. Und das ist uns sehr wichtig. Empfohlen wurde uns der Kinderarzt, der sich auf ADHS spezialisiert hat, von einem guten Bekannten, bei dessen Sohn das gleiche Problem herrscht. Allerdings in etwas ausgeprägterer Form und mit einem viel längeren Leidensweg. Jedenfalls müssen vor der Medikamentenverabreichung, die ja unter das BTMG (Betäubungsmittelgesetz) fallen, verschiedene Untersuchungen gemacht werden. Dazu zählt die Blutabnahme, das EKG sowie ein EEG (Messen der Hirnströme). Heute stehen die Blutabnahme und das EKG an; für das EEG bekommen wir eine Einweisung in unsere hiesige Kinderklinik und haben dort schon für nächste Woche einen Termin vereinbart. Erst wenn alle Befunde vorliegen, kann mit der Medikamentengabe gestartet werden.

Natürlich habe ich mich in den letzten Tagen sehr viel mit dem Thema befasst. Und so ganz neu ist mit das gängigste Medikament “Ritalin” auch nicht. Mein Patenkind wird seit einigen Jahren hiermit behandelt (Mädchen, 15 Jahre alt, ADS – also ohne Hyperaktivität) und konnte mithilfe dessen gute Fortschritte vor allem in der Schule erzielen.

Anfangs war ich etwas verunsichert, da es im allgemeinen Volksmund heißt, man würde sein Kind damit “ruhigstellen”. Man stößt also erstmal auf negative Vorurteile. Das ging mir nicht anders. Aber mit “Ruhigstellen” hat das wenig zu tun. Es unterstützt die Kinder viel mehr dabei, sich besser zu konzentrieren, den Fokus auf die wirklich wichtigen Dinge zu legen und sich nicht durch allerhand Nebensächlichkeiten ablenken zu lassen. Denn ADHS-Kinder können nicht unterscheiden, was wirklich wichtig ist, worauf sie sich konzentrieren sollen. Somit ist für sie in der Schule genauso wichtig, was die Lehrerin erzählt, wie der Banknachbar, der in seiner Schultasche etwas sucht. Oder die Amsel im Baum, die Katze auf dem Schulhof etc. Das Gehirn wird sozusagen “überreizt” mit verschiedensten Informationen und gelangt dadurch schnell zu einer Reizüberflutung. Konzentration und Aufmerksamkeit sind dann gestört und können nicht kontrolliert werden. Und genau da soll das Medikament unterstützend tätig werden: zur Ruhe kommen und sich wirklich auf eine Sache konzentrieren. Alles andere ausblenden. Aber eben nicht das Kind komplett ruhigstellen.

Leider wird man in unserer Gesellschaft viel zu schnell abgestempelt. Da heißt es dann, du könntest dein Kind nicht konsequent genug erziehen, dich nicht durchsetzen. Da ich noch einen älteren Sohn habe, der die gleiche Erziehung genießt, weiß ich, dass das nicht der Fall ist. Er ist das komplette Gegenteil von unserem Kleinen. Ruhig, gelassen, ausgeglichen. Momentan zwar in der Pubertät und seine Grenzen austestend, aber dennoch immer zugänglich und größtenteils auch einsichtig und vernünftig. Deswegen war ich auch so überrascht und teilweise erschrocken, dass unser Kleiner so anders ist. Ich habe doch nichts anders gemacht?! Jetzt weiß ich aber, dass es nicht an meiner Erziehung liegt. Ich habe nicht versagt. Im Gegenteil: ich habe die Vermutung einmal gegenüber unserem damaligen Kinderarzt geäußert, ob vielleicht eine ADHS vorliegen könnte, da Kevin so arg lebhaft und impulsiv ist. Aber er tat meine Befürchtung ab mit den Worten: “Sie haben eben ein lebhaftes Kind. Aber von ADHS ist da nichts zu spüren.” Zu diesem Zeitpunkt war Kevin 4 Jahre alt. Und so habe ich das für mich hingenommen und akzeptiert. Ich wusste es ja nicht anders.

7.10.14 08:57, kommentieren

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Wo fange ich an?

Aller Anfang ist schwer. Das merke ich jetzt, als ich anfangen möchte, alles aufzuschreiben. Es geht mir nicht darum, dass jemand meine Einträge liest. Nein, vielmehr möchte ich einfach für mich gewisse Dinge festhalten. Um nochmals nachzulesen – um nichts zu vergessen. Denn gerade in unserer schnellen und modernen Welt geht so vieles unter.

Am 30.09.14 habe ich erfahren, dass mein fast 9-jähriger Sohn an ADHS leidet. Ich kann nicht genau sagen, ob diese Diagnose Erleichterung oder Angst in mir hervorgerufen hat. Zum einen bin ich schon erleichtert, da das “Kind nunmehr einen Namen hat”. Ich weiß, dass ich nicht in meiner Erziehung versagt habe. Dass es nicht an mir liegt, dass mein Sohn so lebhaft und impulsiv ist. Wir haben nunmehr die Gelegenheit, ihm zu helfen. Aber ich habe auch Angst vor dem, was vor uns liegt. Wie geht es weiter? Werden ihm Medikamente helfen? Wird er sich dadurch im Alltag, in der Schule, bei Freunden besser zurechtfinden? Sein aufbrausendes Temperament unter Kontrolle bringen? Wird in unserer Familie wieder mehr Ruhe einkehren?

Ich lasse die nächsten Tage und Wochen auf mich zukommen …

6.10.14 08:49, kommentieren